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Wie aus Lieferanten Aktionäre wurden

75 Jahre SZVG

Der unternehmerische Arm der süddeutschen Rübenanbauer

Wie aus Lieferanten Aktionäre wurden

75 Jahre SZVG

Der unternehmerische Arm der süddeutschen Rübenanbauer

Dr. Fred Zeller, dzz

Die Geschichte der Süddeutschen Zuckerrübenverwertungs-Genossenschaft eG (SZVG) ist untrennbar verbunden mit dem jahrzehntelangen Streben der süddeutschen Zuckerrübenanbauer nach einer angemessenen Teilhabe an der Wertschöpfung und unternehmerischem Einfluss in der Zuckerindustrie. Was am 19. September 1950 mit der Gründung der SZVG begann, entwickelte sich zu einem einzigartigen Erfolgsmodell bäuerlicher Selbstverwaltung und unternehmerischer Beteiligung, das bis heute europaweit seinesgleichen sucht. Die Entwicklung ist geprägt von Krisen, Innovationen aber auch von strategischen Glanzleistungen. Sie verdient angesichts des 75-jährigen Jubiläums der SZVG im Jahr 2025 eine eingehende Betrachtung.

Die beiden Gründungsväter der SZVG: Dr. Hans Hege (links) und Dr. Josef Holik. FOTOS (5): dzz

Vom „Rübenkrieg“ zur Genossenschaft

Schon vor der offiziellen Gründung der SZVG hegten die Zuckerrübenanbauer in Süddeutschland den Wunsch, eine eigene Zuckerfabrik zu besitzen. Die „Vereinigung rübenbauender Landwirte Hessens und der Pfalz e. V.“ (Verla) – 1912 unter maßgeblicher Initiative von Gustav Bauer gegründet – entstand aus dem Ärger über die aus ihrer Sicht ungerechte Profitverteilung durch die vor der Gründung der Südzucker AG im Jahre 1926 bestehenden Zuckerfabriksgesellschaften. Diese hatten mit sog. Demarkationsverträgen zur Abgrenzung ihrer Rübeneinzugsgebiete den Preiswettbewerb um den Rohstoff weitgehend ausgeschaltet. Die daraus entstandenen Spannungen führten zum sog. „Rübenkrieg“, in dessen Verlauf die Vertreter der Rübenanbauer zum Boykott der Vertragsangebote der Zuckerunternehmen aufriefen – aber letztlich scheiterten. Als direkte Reaktion darauf beschloss die Verla 1913 den Bau einer eigenen „Kampffabrik“, der Zuckerfabrik Rheingau AG in Worms, die bereits 1914 die Produktion aufnahm. Doch dieser Traum währte nicht lange und die Rheingau AG wurde schon 1918 von der Zuckerfabrik Waghäusel übernommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Danach wurde es für drei Jahrzehnte still um die Ambitionen der Rübenanbauer in Süddeutschland, ähnlich wie ihre Berufskollegen im Norden Eigentümer von Zuckerunternehmen zu werden. Erst die Ausnahmesituation nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eröffnete hierfür wieder eine Gelegenheit. Das in vier Sektoren der Siegermächte aufgeteilte Deutschland litt nach 1945 unter einer dramatischen Nahrungsmittelknappheit. Die Zuckerversorgung war desolat, die Rationierung dauerte bis Mai 1950 an und erhebliche Zuckerimporte, unter anderem aus Kuba, waren notwendig. Die Steigerung der heimischen Agrarproduktion wurde zum obersten Ziel der Regierung der 1949 gegründeten Bundesrepublik.

Vor diesem Hintergrund erlebte der Zuckerrübenanbau einen Aufschwung. Doch die vorhandenen Verarbeitungskapazitäten der Zuckerfabriken, insbesondere der Süddeutschen Zucker AG, waren überfordert. Allein 1950 mussten aus Süddeutschland 166.000 Tonnen Rüben zur Lohnverarbeitung nach Österreich und 15.000 Tonnen nach Niedersachsen transportiert werden, begleitet von „unschönen Erfahrungen“ bei Abnahme und Qualitätsfeststellung.

In dieser Situation entstand die Idee, ein eigenes Unternehmen zu gründen, um den Bau einer neuen Zuckerfabrik unter bäuerlicher Kontrolle zu ermöglichen. Den Anstoß dazu gab Dr. Hans Hege aus Hohebuch bei Öhringen, der im Dezember 1949 zum ersten Vorsitzenden des wiedergegründeten Verbands Süddeutscher Zuckerrübenanbauer (VSZ) gewählt worden war. Er fand in Dr. Josef Holik einen kongenialen Partner, den er über gemeinsame Kontakte in die Führung des Württembergischen Genossenschaftsverbandes, Stuttgart, kennenlernte.

Holik, ein aus der Region Brünn in Südmähren vertriebener Landwirt, brachte ein Finanzierungskonzept für den Bau und Betrieb von Zuckerfabriken im Mehrheitsbesitz von Rübenanbauern mit, das er in ähnlicher Form bereits in seiner alten Heimat erfolgreich angewendet hatte. Die Gründung der Süddeutschen Zuckerrübenverwertungs-Genossenschaft eG (SZVG) erfolgte schließlich am 19. September 1950 in Stuttgart. Der primäre Zweck war die Errichtung einer Zuckerfabrik in Franken unter maßgeblichem Einfluss der Rübenanbauer.

Im Jahr 1951 erfolgte der Spatenstich für den Bau der Zuckerfabrik Ochsenfurt.

Die Rolle des Marshallplans und das „Ochsenfurt-Modell“

Die Finanzierung des Neubaus einer Zuckerfabrik unter Führung der Rübenanbauer wäre jedoch nicht ohne den geopolitischen Glücksfall des Marshallplans möglich gewesen. Um Europa wirtschaftlich wieder auf die Beine zu bringen, die Handelspartnerschaft mit den USA wiederherzustellen und den Vormarsch des Kommunismus zu stoppen, stellten die Vereinigten Staaten ab 1948 rund 13 Milliarden Dollar zur Verfügung, unter anderem auch für den Bau von zwei neuen Zuckerfabriken in den drei westlichen Sektoren.

Die amerikanische Militärregierung knüpfte die Zuteilung von Marshallplan-Mitteln für den Fabrikneubau allerdings an die Bedingung einer bäuerlichen Mehrheitsbeteiligung am Kapital der neuen Zuckerfabrik. Dies war ein entscheidender Vorteil für das Projekt von Hege und Holik, auf dem Gelände des Trocknungswerks Ochsenfurt der Süddeutschen Zucker AG eine komplette Zuckerfabrik neu zu errichten. Die Süddeutsche Zucker AG, deren Mitwirkung und Know-how für das Projekt unverzichtbar waren, zögerte zunächst.

Man wollte eine Mehrheitsbeteiligung der Rübenanbauer am neuen Unternehmen nicht akzeptieren. Insbesondere Albert Flegenheimer, bis 1936 jüdischer Großaktionär der Süddeutschen Zucker AG, danach in die USA emigriert und nach Kriegsende zeitweise zurückgekehrt, übte seinen teilweise wiedergewonnenen Einfluss aus, um das bäuerliche Projekt zu stoppen. Die Rübenanbauer beharrten aber auf ihren Plänen.

Mit der Gründung der SZVG wurde ein innovativer organisatorischer Rahmen geschaffen: Statt zehntausende einzelne Bauern als Mitglieder der Genossenschaft unmittelbar aufzunehmen, traten die regionalen Rübenanbauerverbände als Vertreter der SZVG bei. Die Finanzierung der Genossenschaft erfolgte über partiarische Darlehen der Landwirte – ertragsabhängig verzinste Kredite der Bauern an die SZVG. Diese Struktur ermöglichte es, das Kapital vieler kleiner landwirtschaftlicher Betriebe zu bündeln und eine straff koordinierte Beteiligungspolitik aus einer Hand zu gewährleisten. Inspiriert wurde dieses Finanzierungskonzept maßgeblich durch Holiks Erfahrungen mit Rübenverwertungsgenossenschaften in Böhmen und Mähren.

Im kurzen Zeitraum von 1950 bis 1953 mobilisierten die Initiatoren der Bewegung beeindruckende 7,5 Millionen Deutsche Mark von über 67.000 Rübenanbauern. Im Gegenzug erhielten die Landwirte dauerhafte Rechte zur Ablieferung von Zuckerrüben. Diese Verknüpfung von Kapitalbeteiligung und Zuckerrüben-Lieferrechten ermöglichte es, neben den fränkischen auch Rübenanbauer im südlichen Bayern, in Baden und Württemberg sowie in Rheinland-Pfalz zur Finanzierung der Zuckerfabrik Ochsenfurt zu gewinnen. Mit einem leicht regional abgestuften Beitrag von 1,50 bis 2,00 DM/t Lieferrecht konnten die Landwirte die Abhängigkeit des Kauflieferanten verlassen und die Sicherheit des Rechteinhabers erlangen.

Trotz einer Ablehnung des ersten Antrags auf Gewährung von Marshallplan-Mitteln und des hartnäckigen Widerstands einiger Südzucker-Vorstandsmitglieder gegen die Mehrheitsposition der Bauern gelang es der SZVG letztlich mit Unterstützung von Bundeskanzler Adenauer, Landwirtschaftsminister Niklas und Staatssekretär Sonnemann, ihre Ziele zu erreichen. So konnte am 26. Mai 1951 der Grundstein für die Zuckerfabrik Ochsenfurt gelegt werden.

Hans Hege brachte es bei diesem Anlass auf den Punkt: „Wir sind nun hier nicht mehr nur die Lieferanten, sondern wir sind hier als solche, die das Werk mit erbauen und verwalten“. Die SZVG hatte eine 51-prozentige Mehrheitsbeteiligung an der neuen Zuckerfabrik Franken GmbH, während die Süddeutsche Zucker AG 49 Prozent hielt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten erwies sich die Fabrik in Ochsenfurt bald als großer wirtschaftlicher Erfolg.

Der Weg zur Mehrheitsbeteiligung an Südzucker

Die Attraktivität des Zuckerrübenanbaus nach 1950 führte zu einem steigenden Bedarf an Verarbeitungskapazitäten. Mit dem gelungenen Ochsenfurter Projekt im Rücken stellten die Landwirte bereits nach wenigen Jahren die Frage nach einer dritten bayerischen Zuckerfabrik neben Regensburg und Ochsenfurt. Für den ausgewählten Standort in Rain am Lech forderte die Politik in den Jahren 1955 und 1956 erneut eine bäuerliche Mehrheitsbeteiligung. Um eine Wiederholung dieser immer noch auf Seiten des Unternehmens ungeliebten Konstellation abzuwenden, schlugen die Vorstandsmitglieder der Süddeutschen Zucker AG und ihr Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Abs, Deutsche Bank AG, der SZVG alternativ einen Neubau durch die Süddeutsche Zucker AG bei einem gleichzeitigen Einstieg der SZVG in das Aktionariat des Unternehmens vor. Dieses Konzept wurde schließlich trotz einiger kritischer Stimmen auf bäuerlicher Seite angenommen. Das sollte sich später als Glücksfall für die Ambitionen der Landwirtschaft erweisen.

1956 erwarb die SZVG ein Aktienpaket von sechs Millionen Deutscher Mark Nominalkapital an der Süddeutschen Zucker AG im Zuge einer Kapitalerhöhung. Mit dieser zehnprozentigen Beteiligung legte sie den Grundstein für die spätere Mehrheitsübernahme.

Um den Erhalt und Ausbau der Beteiligung der Anbauer zu finanzieren, führte die SZVG im Geschäftsjahr 1965/66 die „10-Pfennig-Gutschriften“ ein. So wurde der Einbehalt von 0,10 DM je deutscher gelieferter Rüben genannt. Diese kreative Bezeichnung betonte den Wertzuwachs auf den Beteiligungskonten der Rübenanbauer statt den Abzugscharakter auf der Rübengeldabrechnung in den Vordergrund zu rücken. Sukzessive baute die SZVG damit ihren Anteil an der Südzucker AG aus: Von zehn Prozent ab 1956 auf 17,5 Prozent im Jahr 1968, 20 Prozent im Jahr darauf, bis man 1973 die Sperrminorität von 25 Prozent erreichte. Zum Geschäftsjahresende 1975 belief sich die Beteiligung bereits auf rund 38 Prozent. Schließlich wurde die SZVG 1978/79 mit 41 Prozent und 1979/80 mit 44 Prozent zur größten Aktionärin der Süddeutschen Zucker AG.

Diese wachsende Marktmacht der SZVG als Mehrheitsaktionärin der Zuckerfabrik Franken GmbH und Großaktionärin der Süddeutschen Zucker AG rief das Bundeskartellamt auf den Plan, das im Januar 1985 weitere direkte Aktienkäufe untersagte. Als Reaktion darauf gründete die SZVG im selben Jahr gemeinsam mit der DG Bank AG die „Gesellschaft für ernährungswirtschaftliche Beteiligungen mbH (GeB)“, um weiterhin indirekt Südzucker-Aktien zu erwerben.

Die historische Fusion zum europäischen Schwergewicht

Die Auflösung der kartellamtlichen Blockade und gleichzeitig der Höhepunkt der Einflussnahme der Rübenanbauer wurde 1988 mit der Fusion der Süddeutschen Zucker AG und der Zuckerfabrik Franken GmbH erreicht. Nach langwierigen Verhandlungen stimmte das Bundeskartellamt der Verschmelzung zu und rechtfertigte sie als eine notwendige Konzentration im europäischen Lebensmittelmarkt. Es entstand die „Südzucker AG Mannheim/Ochsenfurt“.

Dr. Reinhold Kißling war von 1975 bis 1992 SZVG-Vorstandsvorsitzender. FOTO: Dr. Fred Zeller

Die SZVG hielt eine sichere Stimmrechtsmehrheit von 61,3 Prozent des Grundkapitals der neuen Gesellschaft. Dies war eine bemerkenswerte Leistung. Die kleinstrukturierte Landwirtschaft in Süddeutschland hatte es geschafft, eine deutliche und stabile Mehrheitsbeteiligung am größten europäischen und seit 1926 börsennotierten Zuckerunternehmen zu erringen. Stefan Freiherr von Zobel, der damalige Vorsitzende des VSZ und Aufsichtsratsvorsitzende der SZVG, wurde der erste Rübenanbauer an der Spitze des Südzucker-Aufsichtsrats.

Nach der Fusion trieb Südzucker die Diversifikation und Internationalisierung voran. Die Beteiligungen der Frankenzucker an den Eiscremeherstellern Schöller und Eismann sowie an der Tiefkühlkost bei Freiberger wurden in den Konzern integriert.

Auch in der Internationalisierung ging es voran durch den Einstieg bei der österreichischen Agrana Beteiligungs-AG und die handstreichartige Übernahme der belgischen Raffinerie Tirlemontoise SA (RT) 1989. Die SZVG stimmte der Ausgabe stimmrechtsloser Vorzugsaktien zu, um die Übernahmefinanzierung zu ermöglichen, ohne an Stimmrecht zu verlieren. Dass die belgischen Rübenanbauer der RT eine kleine Beteiligung an ihrer Zuckerfabriksgesellschaft nach dem Vorbild der SZVG forderten und erhielten, zeigt, wie nachahmenswert die Aktivitäten der süddeutschen Landwirte im europäischen Ausland angesehen wurden.

Deutsche Wiedervereinigung

Die Wiedervereinigung ab 1989 bot eine weitere Expansionsmöglichkeit. Südzucker erwarb 13 Zuckerfabriken in den neuen Bundesländern, die in der Südzucker GmbH, Zeitz, gebündelt wurden. Eine vertragliche Auflage der Treuhand-Anstalt an alle Erwerber von Zuckerfabriken sah die Beteiligung der Rübenanbauer der neuen Bundesländer an den Gesellschaften vor. Dafür konnte die SZVG erneut ihr bewährtes Beteiligungskonzept zur Anwendung bringen. Der Verband Sächsisch-Thüringischer Zuckerrübenanbauer (VSTZ) wurde gegründet und trat dem VSZ sowie der SZVG bei. Die ostdeutschen Landwirtschaftsbetriebe trugen mit erhöhten finanziellen Abführungen an die SZVG zum weiteren Ausbau der Südzucker-Beteiligung bei und erwarben damit bis heute einen angemessenen Anteil am Südzucker-Konzern.

Die Führungskräfte der SZVG und des VSZ um 1975 vor dem Verwaltungsgebäude der Zuckerfabrik Franken GmbH in Ochsenfurt.

Lieferrecht für Kapital

Auch in den neuen Bundesländern hielt die SZVG an ihrem Grundprinzip fest, die Rübenanbauer zur Bereitstellung von Beteiligungskapital durch die Ausgabe von Zuckerrüben-Lieferrecht zu motivieren. Diese Idee hatte ihre Zugkraft bereits zur Zeit der Gründung der Genossenschaft 1950 bewiesen, als man nicht nur die fränkischen Landwirte zur Finanzierung des Zuckerfabrikneubaus in Ochsenfurt gewinnen konnte, sondern auch diejenigen in den traditionellen Anbaugebieten der Süddeutschen Zucker AG in Rheinland-Pfalz, Baden und Württemberg sowie in Südbayern.

Nur auf diese Weise war die enorme finanzielle Herausforderung zu bewältigen, die mit der Mehrheitsbeteiligung an der Zuckerfabrik Franken GmbH verbunden war. Aus der Sicht der in Spitzenzeiten mehr als 100.000 Rübenanbauer in Süddeutschland überzeugte die Aussicht, einen weiterveräußerbaren Anspruch auf Ablieferung von Zuckerrüben mit überlegenem Deckungsbeitrag zu erhalten, sicher mehr, als der unternehmerische Einfluss der bäuerlichen Beteiligung.

Mit Ausnahme der Anschubfinanzierung für Ochsenfurt erfolgte der Kapitaltransfer an die SZVG im Regelfall durch die Abtretung von Teilbeträgen des Rübengelds über mehrere Jahre. Seit Mitte der 60er Jahre die permanente vorsorgliche Ansparung von Beteiligungskapital eingeführt worden war, die später die Bezeichnung Absicherungs- und Rücklagenmittel (A+R-Mittel) erhielt, konnte die SZVG ihre Lieferrechtsausgaben und Beteiligungsstrategie vorausschauend planen. Nach den Lieferrechten O, F und A aus der Gründerzeit der SZVG, die im Zeitraum 1950 bis 1956 ausgegeben wurden, folgten 1982 die Lieferrechte B, die zur Finanzierung des Mehrheitserwerbs an der Süddeutschen Zucker AG dienten.

Zur finanziellen Potenz der SZVG trug auch das stetige Wachstum der Anbaufläche der Unternehmen Süddeutsche Zucker AG und Zuckerfabrik Franken GmbH beziehungsweise der Südzucker AG durch die Aufnahme weiterer Zuckerfabriksgesellschaften bei. Ab 1969 begannen die Rübenanbauer der Zuckerfabriken Obernjesa, Warburg und Wabern ihre schrittweise Integration in die süddeutsche Zuckerwirtschaft; 1992 kamen die Landwirte der Soester Börde hinzu.

1995 erhielten die Anbauer in den neuen Bundesländern ihre Lieferrechte Z. Eine zusätzliche Mobilisierung von annähernd 100 Millionen Euro gelang der SZVG 1999 mit der Ausgabe von Lieferrecht Q. Damit konnte in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz die vollständige Abdeckung der bestbezahlten Rübenkategorie, der sogenannten A-Rüben, mit Lieferrechten erreicht werden. Nach dem Jahrtausendwechsel folgten die Lieferrechtsaktionen E – in Verbindung mit dem Einstieg der Südzucker in das Bioethanol-Geschäft – und M als Konsequenz der Reform der EU-Zuckermarktordnung 2006. Mit der signifikanten Aufstockung von Lieferrecht M im Jahr 2024 konnte die SZVG die Anpassung ihrer Strukturen an die Rahmenbedingungen des Rübenanbaus in Süddeutschland nach dem Ende der Zuckerquote 2017 abschließen.

Herausforderungen und die Zukunft der SZVG

Die SZVG hat sich stets dem wandelnden Markt und politischen Rahmenbedingungen angepasst. So war sie mit dem VSZ maßgeblich an der Gestaltung der Europäischen Zuckermarktordnung (ZMO) ab 1968 beteiligt, deren Quotenregelung nach deutschem Vorbild in Brüssel durchgesetzt wurde. Als die ZMO später durch Urteile der Welthandelsorganisation und politische Reformen unter Druck geriet, spielte die SZVG eine zentrale Rolle bei der Umsetzung des Restrukturierungsfonds 2006. Dieser ermöglichte einen finanziell attraktiven, freiwilligen Quotenverzicht, um Überkapazitäten in der EU abzubauen und unvermeidliche Werksschließungen sozialverträglich zu gestalten.

Ein weiteres strategisches Feld, das SZVG und VSZ maßgeblich vorantrieben, war die Diversifikation der unternehmerischen Aktivitäten der Südzucker AG in die Bioethanol-Erzeugung. Angesichts sinkender Anbauflächen aufgrund von Produktivitätsfortschritten forderte die SZVG alternative Verwertungsmöglichkeiten für Zuckerrüben jenseits der Nahrungsmittelproduktion. 2004 wurde also die Bioethanolanlage in Zeitz gebaut und die SZVG beteiligte sich 2006 am Börsengang der CropEnergies AG. Dieser Einstieg in die Bioethanolerzeugung erwies sich trotz schwieriger Phasen als eines der erfolgreichsten Diversifikationsprojekte und trug maßgeblich die Handschrift der Organisationen der Rübenanbauer.

Grundsteinlegung für die Anlage zur Herstellung von Bioethanol in Zeitz am 6. Februar 2004. FOTO: Südzucker AG

Das Ende der Zuckerquote

Die größte Zäsur in der jüngeren Geschichte der SZVG war die Abschaffung der EU-Zuckerquoten zum 1. Oktober 2017. Die SZVG und der VSZ bereiteten sich akribisch und frühzeitig auf diese radikale Marktliberalisierung vor, passten die Rübenlieferverträge an und führten neue Preisableitungssysteme sowie Frachtkostenbeteiligungen ein. So trugen sie maßgeblich dazu bei, die Zuckerrübenanbauflächen weitgehend stabil zu halten und die Zuckerfabriken besser auszulasten. Auch wenn die Marktliberalisierung vorübergehend zu Preisschwächen und 2019 zu weiteren Werksschließungen in Brottewitz und Warburg führte, unterstützte die SZVG diese schmerzhaften Anpassungen im Interesse des Erhalts der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit der süddeutschen Zuckerwirtschaft. Aktuelle Herausforderungen, wie die Bekämpfung des Vergilbungsvirus und bakterieller Rübenkrankheiten zeigen, dass die Verbindung von Anbauer- und Unternehmensinteressen, für die die SZVG steht, zu besseren und schnelleren Lösungen führen kann.

Vorbild in Europa

Das erfolgreiche Agieren der süddeutschen Rübenanbauer und ihrer SZVG blieb natürlich auch im übrigen Deutschland und im europäischen Ausland nicht unbemerkt. Bereits in den 60er Jahren bemühte sich der Zentralverband der französischen Zuckerrübenanbauer (CGB) um die Errichtung einer vergleichbaren Finanzierungsgesellschaft, die frei werdende Anteile an Zuckerunternehmen erwerben und in die Erweiterung von Verarbeitungskapazitäten investieren sollte. Dafür holten die französischen Verbandsführer, vor allem der langjährigen CGB-Geschäftsführer Henri Cayre, den Rat der deutschen Kollegen ein.

In Belgien wurde nach der 1989 erfolgten Übernahme der Raffinerie Tirlemontoise SA (RT) durch Südzucker eine von der SZVG inspirierte Beteiligungsgesellschaft namens Sopabe-T gegründet. Ihr ist es gelungen, eine kleine Beteiligung an der RT zu halten und inzwischen auch Aktien der Südzucker AG zu erwerben.

Ab Mitte der 90er Jahre fand ein intensiver Austausch zwischen der SZVG-Geschäftsführung und Vertretern der Union Zucker Südhannover GmbH statt, der zunächst zur Gründung eines Anbauerfonds führte und schließlich in die Entstehung der heutigen Holdingstruktur der Nordzucker AG mündete.

Mehrjährige Beratungen mit der SZVG ließen im Jahr 1999 die Österreichische Zuckerrübenverwertungs-genossenschaft (ÖZVG) entstehen. Auch hier ist die Hingabe von Beteiligungskapital der Landwirtschaft gegen Gewährung von Zuckerrüben-Lieferrechten eines Zuckerunternehmens durch Vermittlung der Beteiligungsgenossenschaft das zentrale Element der Konstruktion. Die ÖZVG ist heute nach der Raiffeisen Landesbank Niederösterreich/Wien die zweite Kraft im Aktionariat der Agrana Beteiligungs-AG.

Ein Überblick der Leitungsorgane der SZVG in den vergangenen 75 Jahren.


Dr. Fred Zeller dzz


FAZIT

Die SZVG steht heute als erfolgreiches Beispiel dafür, wie landwirtschaftliche Erzeuger durch strategische Beteiligung und konsequente Interessenvertretung ihren Einfluss auf die Verarbeitung ihrer Produkte sichern und ausbauen und damit ihre Position in der Wertschöpfungskette verbessern können. Die Entwicklung der SZVG ist eine Geschichte von Weitsicht, Anpassungsfähigkeit und dem unermüdlichen Engagement tausender Rübenanbauer, die gemeinsam ihre Zukunft gestaltet haben. In unsicheren Zeiten ist dieses Erbe eine solide Basis für die kommenden Herausforderungen des Zuckermarkts.

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